Lukas Thein

 

Weltgartenschau – in Tempera Part II

 

Wir betreten die Weltgartenschau von Lukas Thein, einem jungen Mann im roten Hemd – womöglich dem Künstler selbst – folgend, durch einen Torbogen, der provozierend violett vor einer schemenhaft-indifferenten landschaftlichen Szenerie aufragt. So zeichenhaft die spitz zulaufende Form ins Bild gestellt ist, so hartnäckig widersetzt sie sich allen Deutungsversuchen und weigert sich letzten Endes mehr zu sein als – reine Farbe. Als wildes Solo durchbricht er den gleichförmigen Rhythmus der durch knappe Vertikalen angedeuteten Vegetation im Hintergrund und bringt das Realitätsgefüge der Komposition gehörig ins Wanken. 

 

In dieser Ausdrücklichkeit stößt uns der Maler nirgendwo sonst in der Ausstellung auf den eigentlichen Beweggrund seiner künstlerischen Expeditionen, die ihn – und uns in seinem Gefolge – häufig in tropische Gefilde, selten in den berühmten deutschen Wald, immer wieder in Gewächshäuser und schließlich zur Topfpflanze auf der Fensterbank führen.

Obgleich seine Kunst letzten Endes erkennbar dem Gegenstand verhaftet bleibt, sind Theins Ausflüge quer durch die verschiedenen Klima- und Vegetationszonen seines höchstpersönlichen Weltgartens vor allem eins: Erkundungen im Reich der Farbe, deren Wesen es zu ergründen und Wirkungsspektrum es auszuloten gilt.

 

Bevorzugt bedient sich Thein der klassischen Eitempera, und damit einer im besten Sinne „altmeisterlichen“ Technik, die dem Künstler die Geduld und Beharrlichkeit eines Gärtners abverlangt. Der oftmals langwierige Entstehungsprozess, der mit dem Anmischen der Farben beginnt und neben dem schichtweisen Bildaufbau auch rabiate destruktive Eingriffe in denselben beinhaltet – regelrecht ausradiert sind große Teile des vom Sturm zerzausten Nadelwalds –, entspricht der Bewegung des Werdens und Vergehens in der Natur, die sich der Betrachter*in im fertigen Gemälde mitteilt.

Das Ergebnis ist eine Malerei, die ihre Wirkung aus einer dynamischen subjektiv-emotionalen Farbigkeit bezieht. Auch wenn sich das Kolorit wie das Motiv nie ganz von der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit entfernt, bleibt es ähnlich unberechenbar wie das Pflanzenwachstum allen menschlichen Ordnungsversuchen zum Trotz regellos: Purpurrot pulsiert – beunruhigend? – zwischen den Stämmen eines Palmenhains; hitziges Orange und Pink lodern hinter dem Pflanzenwuchs am Rand des Seerosenteichs, um im nächsten Werk zum Altrosa eines erschöpften Gewitterhimmels zu verblassen.

 

 

Wer sich auf die Reise durch Theins Bildwelten begibt, tut gut daran, auf alles gefasst zu sein: Was beim ersten Hinschauen als liebliches Parkidyll oder reiseprospekttaugliche Südseefantasie erscheint, ist malerisch und motivisch deutlich komplexer und subtiler. In Gestalt von dunkel wuchernden Zimmerpflanzen bricht sich das Irrationale, Wilde im geordneten Bezirk einer menschlichen Behausung Bahn. Der Blick verstrickt sich im Dickicht der Wälder und Treibhäuser. Formen erscheinen und lösen sich wieder auf, ehe wir sie fixieren und einordnen können. Die Betrachtung gerät zum permanenten Vor und Zurück zwischen der Oberfläche des Bildes und seinen tieferen Schichten, zum Hin und Her zwischen abstrakten Farbstrukturen und den erkennbaren Elementen einer scheinbar ungezügelten Vegetation. 

 

Lukas Thein entwirft keine romantisch überhöhten Sehnsuchtslandschaften, die einen – wie auch immer gearteten – Einklang von Mensch und Natur beschwören. Zwar ist der Mensch präsent in den paradiesisch anmutenden Naturräumen, jedoch bleibt er darin ein Fremder, von dessen Anwesenheit oft lediglich Spuren zivilisatorischer Interventionen zeugen – außerordentlich fragile Architekturen in Form von Glashäusern und Pavillons oder kleine Labels, die im botanischen Garten der Identifizierung exotischer Pflanzen dienen, bei Thein aber keine lesbare Botschaft präsentieren und als cartes blanches für die Betrachter*in wirken, die eingeladen ist, die Leerstellen kraft ihrer eigenen Imagination zu füllen.

In diesem Sinne geben auch die gelegentlich auftauchenden Figuren ihre Identität nicht preis – es ist möglich, aber keineswegs zwingend, in ihnen ein Alter Ego des Künstlers zu erkennen: Häufig bleibt ihr Gesicht außerhalb des gewählten Bildausschnitts oder sie sind in Rückenansicht dargestellt wie der junge Mann im roten Hemd, von dem wir uns gerade aus diesem Grund gerne ins Bild hineinleiten lassen. Sein leicht geneigter Kopf und dergestalt demonstrativ NICHT auf die sich vor ihm ausbreitende Landschaft gerichteter Blick regen zur kontemplativen Versenkung in den Farbraum des Gemäldes, einem innerlichen Sehen an.

 

Auf seinen malerischen Streifzügen gerät Lukas Thein immer wieder in Grenzbereiche der Figuration, in denen die motivische Fixierung zugunsten der reinen Farbwirkung nahezu vollständig aufgegeben ist. Gleichwohl ist seine Kunst (fast) jederzeit getragen vom leidenschaftlichen Interesse an ihrem Sujet: Die Welt der Pflanzen in ihrer faszinierenden Vielfalt stellt gattungsübergreifend DAS zentrale Thema bereit, dem Thein sich nicht nur im Medium der Malerei, sondern auch in Installationen und Druckgrafiken mit bemerkenswerter Ausschließlichkeit widmet. 

Bisweilen spricht aus den Arbeiten eine geradezu wissenschaftliche Neugier, am deutlichsten vielleicht im Fall der Cyanotypien zur „Alpenflora des Alexander Berthold“: Die zartblauen Pflanzenstudien sind Abzüge von Einzelbögen eines über 100 Jahre alten Herbariums, die Thein mithilfe eines alten fotografischen Verfahrens genommen hat. Somit sind sie Ausdruck nicht nur der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Motiv an sich, sondern auch mit einem naturwissenschaftlichen Ordnungssystem und – nebenbei – einem weitgehend in Vergessenheit geratenen Bildgebungsverfahren, das im 19. Jahrhundert vor allem zur fotografischen Dokumentation botanischer Proben eingesetzt wurde. 

 

Wie die Malerei sind auch die Cyanotypien gewissermaßen Teil des größer angelegten Versuchs einer Weltbeschreibung – von Alexander Berthold zu Alexander von Humboldt ist es nicht nur phonetisch lediglich ein kleiner Schritt. Weil Lukas Thein aber in erster Linie Künstler ist, geht es seiner Weltgartenschau dabei nicht um den empirischen Erkenntnisgewinn, sondern um eine über die objektive Außenseite hinausweisende Betrachtung: Die Blumen und Gräser der Alpenflora-Mappe dürfen in der künstlerischen Bearbeitung unscharf erscheinen, die natürliche Ordnung von Landschaften, Gärten und Wäldern wird durch die nicht unbedingt an realer Seherfahrung orientierte Farbgebung ausgehebelt. 

 

Dergestalt halten Lukas Theins in jeder Hinsicht vielschichtige Bildwelten eine Fülle aufregender, mitunter irritierender ästhetischer Erfahrungen bereit. Auf dem Weg durch vertrautes, aber gleichwohl unbekanntes Terrain öffnen sich unserer Vorstellungskraft dabei immer wieder Schlupflöcher, Korridore und magische Pforten – auf der anderen Seite mag jede Betrachter*in ihre eigenen Antworten finden.

 

Barbara Reil

 

 

Sehr verehrtes Kunstpublikum, 

 

zur Einstimmung auf die Landesgartenschau im Mai 2021 in Lindau, zeigt  Lukas Thein eine Reihe seiner in Eitempera gemalten Landschaften und Gärten der Welt. Aus seinen unwirklichen Darstellungen exotisch-tropischer Botanik genau so wie aus Schwarzwaldbeständen scheint das verschollene Eden zu leuchten.

Während der Vernissage verführt Lukas Briggen mit seinem rufenden Alphornspiel uns Erdenbürger mit Negativbilanz zu unbeschwert lauschenden Augenblicken.

 

HERZLICH WILLKOMMEN!

 

 

Pressetext:

Wie kann ich innerhalb eines Bildes und mittels desselben Wahrheit erzeugen?

Wieviel "Möglichkeitssinn" muss ich entwickeln, um innerhalb der Auswahl einer Farbpalette malerisch eine "Echtheit" auch dann noch erhalten zu können, wenn die Wahl der verwendeten Farben sich längst nicht mehr am Wirklichkeitsgefüge exakter Wiedergabe orientiert. Treffender als wieder-erkennbare Genauigkeit im Objekt ist Gewissenhaftigkeit im seelischen Ausdruck. Hervorgerufen wird ein solcher Ausdruck durch die Farbe. In gekonnt kühner Farbauswahl setzt Lukas Thein dem Betrachter seine Rätselwelt vor, ein wenig distanziert, keineswegs unterkühlt - gebremstes Appassionato.

 

(Arturo Eskuchen. 2014)